Archive for October, 2009
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Gerade drifte ich sanft auf den ufernahen Strandwellen aus einem durchsurften Nachmittag, da wirft es mich vom Brett zurück ins tiefe Wasser. Ich bin auf ein Posting auf Golem.de aufgelaufen, welches sich um die Einschränkung der anonymen, freien Meinungsäußerung im Netz drehte, über die dazugehörende Diskussion in die argumentativen Untiefen eines “Welt-Online”-Artikels geplumpst. Ein Herr Gut (mit Vornamen Philipp) tut hier seine Meinung zur derzeit sehr trendigen Toleranz gegenüber Homosexualität kund.
Und weil gegen-den-Trend-sein ja stehts sehr Trendy ist, kommt er laut der angehängten Umfrage, und den (ebenso bewertbaren) Kommentaren, bei der Mehrheit der Welt-Online-Leserschaft mit dieser Meinung gut an. Ist ja auch verständlich … wenn man als erzkonservativer Mensch von einer Trendwelle überrumpelt wird, die eine Meinung populär macht, welche der eigenen Wirklichkeitsauffassung diametral entgegensteht, und die eine Gegenrede als “völlig unpopulär” darstehen lässt. Dann kann man schon mal glücklich mit in den Chor der “Ja genau!”-sager einfallen, die sich durch diesen mutigen Schreiberling bestätigt und gerächt(fertigt) fühlen.
Wenn man Homosexuellen gegenüber aber von Hause aus keinerlei Vorbehalte hat, kann einem beim Lesen dieses Textes schon ein wenig säuerlich die Galle hochkommen!
Was Herr Gut da als Liberale Meinung verkauft, ist meiner bescheidenen Meinung nach, mit Leichtigkeit dazu angetan die ohnehin noch breitflächig vertretene Homophobie des Welt-Spießertums erneut aufflammen zu lassen. Er schreibt in einem süffisant hämischen Ton und mit deutlich lesbarem Naserümpfen über “das Theater das um die Schwulen- und Lesbenszene in der Öffentlichkeit gemacht wird”. Er nennt hierbei in schneller Abfolge die Bereiche, die bereits von Homosexuellen besetzt sind. Er fährt fort, über die Homo-Paraden herzuziehen, die sich bekanntermaßen von den früheren Protestkundgebungen, zu öffentlich und touristisch geschätzten Volksfesten gewandelt haben. Er nennt Interessengruppen für Homosexuelle bei Polizei und Armee in dem selben verständnislosen Tonfall, und versucht damit ein Bild zu kreieren, in dem unsere weitgehend heterosexuelle Gesellschaft von Schwulen unterwandert und überrannt wird. Wo Menschen geradezu dazu gezwungen würden Schwul oder Lesbisch zu sein.
Das die gesteigerte Akzeptanz es den Betroffenen leichter macht ihre Orientierung zu finden, und sich dennoch gut zu fühlen erwähnt er dabei nicht. Ich kann hier nur als Zaungast für dieses Themas sprechen, da selbst nicht homosexuell bin. Aber es fällt mir leicht mir vorzustellen, dass es für einen jungen Menschen sehr schwer sein kann in dieser Frage eine unvorbelastete Entscheidung zu treffen, wenn dieses Thema in der Gesellschaft in der er verkehrt noch keine selbstverständlichkeit ist.
Anders ausgedrückt: Wenn die zu erwartende Reaktion auf das “Comming Out” eine andere ist, als schlichte Akzeptanz, dann kann diese Entscheidung nicht unvorbelastet gefällt werden. Und das bedeutet dass weiterhin Menschen entweder ein Doppel-Leben führen, und täglich Lügen werden, oder eben sich die Mainstream-Schuhe anziehen um Problemen aus dem Weg zu gehen. Nur dass man sich eben in den falschen Schuhen früher oder Später die Füße kaputtmacht, und keine rechte Freude mehr am Gehen hat.
Das alles kehrt Herr Gut als Propagandist der neuen Anti-Anti-Intoleranz mal eben unter den Teppich und sagt: Wir haben doch bereits schwule und lesbische Politiker - ist doch alles im Lot! Nein ist es nicht Herr Gut! Solange sich noch Leute in irgendeiner Weise an diesem Thema reiben, ist es noch nicht gegessen, und Gleichstellung ist noch nicht erreicht!
Es mag ja sein, dass er prima damit leben kann, wenn er von diesem Thema einfach nicht tangiert wird, damit verlangt er aber von den betroffenen Stillschweigen zu bewahren, über eine Elementare Persönlichkeits-Eigenschaft. Es gibt viele Leute die so denken: “Ist mir egal solange ich nichts davon mitkriege.”. Das ist aber nicht das, was man unter Gleichberechtigung versteht.
Wer den Artikel gelesen hat, wird vermutlich verstehen was ich meine. Er schreibt gegen Ende als Befürchtung: “Wie sehr interessiert es uns eigentlich, wer welchen sexuellen Praktiken nachgeht und warum? Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen?”
Ich denke damit ist klar das dies keine einfache Meinungsäußerung mehr ist, sondern gut kaschierte Hetze in einer großen deutschen Zeitung. Dann bleib ich doch lieber Tolerant: MC-Frontalot auf Youtube